Langer vs. kurzer Vokal

Die Regel, das stimmlose [s] nach kurzem Vokal nicht mehr 'ß', sondern 'ss' zu schreiben, nach langem Vokal jedoch 'ß' ("muss" statt "muß"), ist für jene Sprecher, deren Vokallängen von der Standardaussprache abweichen, eine permanente Fehlerquelle. Da hilft auch nicht der wohlfeile Ratschlag, doch bitteschön gut zuzuhören. Jeder Sprachpädagoge kennt das Problem, daß der Lerner nur das hört, was er kennt.

Schriftsprachliche Regeln sollten so beschaffen sein, daß sie von unterschiedlichen Dialektsprechern nicht unterschiedlich ausgelegt werden können. Sinnvoller wäre es gewesen, sie an der Schriftsprache selber zu orientieren.

Eine wirkliche Reform wäre allerdings gewesen, die Doppelschreibung des "s" generell einzuführen oder ganz abzuschaffen. Ein Satz wie "Ich las das Gepäck abholen" irritiert jedoch, weil "las" zugleich das Präteritum von "lesen" ist. Andererseits wird von vielen Schreibern gern "das" genommen, wo "daß" bzw. reformdeutsch "dass" stehen muß. Im Deutschen gibt es im übrigen keine durchgängige Konsonantenverdopplung nach kurzem Vokal: "Bus" schreibt man immer noch "Bus", vielleicht weil es ein englisches Wort ist. Dagegen variiert die Aussprache von "grob": manche sprechen den Vokal lang, andere kurz.


Schriftbild und Assoziationen

Während Leser und Schreiber sich an das "ss" in "Hass" oder "muss" gewöhnen kann, zumal es im Internet üblich ist, generell "ss" zu schreiben, also auch in "Gruss", "Busse" (hier entscheidet nur der Kontext, ob Plural "Bus" oder die religiöse Übung gemeint ist), bieten andere reformdeutsche Neuerungen reichlich Irritationen.

Bisherige Schreibung
(← Herkunft)
Reformdeutsche Schreibung
(← Herkunft)
Kommentar
plazieren (← frz. placer) platzieren (← Platz) Warum nicht auch "spatzieren"
(← Spatz)? Wenn man aus einem Fremdwort eine Lehnübersetzung machen will, sollte dies konsequent geschehen, anstatt eine neue Spreizung des Ausdrucks vorzunehmen.
selbständig (←'selb' + ständig) selbstständig ('selbst' + ständig) Beide Formen sind sprachgeschichtlich legitim, wobei die Form "selbständig" letztlich die - bisherige - Aussprache des Wortes wiedergibt. Falls sich das Doppel-"st" durchsetzt, wird es möglicherweise zum Zungenbrecherwort mutieren.
Aus den FAQ der Newsgroup de.etc.sprache.deutsch:

»selbst«, von mhd. »selb(e)s« mit unorganischem »t«, ist ein erstarrter Genitiv Singular, »selber« ein erstarrter starker Nominativ Singular Maskulinum zu »selb«. »selb«, verwandt mit engl. »self«, kommt heute fast nur noch vor in »selbig«, »der-/die-/dasselbe« sowie getrennt bei vorangehender Präposition, die mit einem Artikel verschmolzen ist (»zur selben Zeit« aus »zu derselben Zeit«), oder mit Demonstrativpronomen. Formen wie »selbander« (zu zweit) und »selbdritt« (»er kam selbdritt« = »selbst als Dritter« = »mit zwei anderen« = »sie kamen zu dritt«) usw. sind veraltet.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht ungewöhnlich, daß man sich in älterer Sprache für Zusammensetzungen zunächst der Stammform »selb« bediente; laut Grimm überwog »selbständig« zunächst deutlich. Erst später, nachdem »selbst« über seine ursprünglichen grammatikalischen Grenzen hinaus zur Normalform geworden war, begann man, davon abzuweichen. Heute ist einzig »selbst« noch produktiv und »selbständig« das einzige noch gebräuchliche »selb-«-Kompositum. Im Grimm selbst wurde noch 1900 »selbstständig« verteidigt.

belemmert (← nl. belemmeren) belämmert (← Lamm) Das Wort ist ein Nebenkriegsschauplatz, aber kennzeichnend für die Methode: Die ursprüngliche Bedeutung ist verblaßt, also wird einfach eine assoziative Verbindung als neue "Stammform" ausgegeben. Die reale Wortgeschichte wird abgeschnitten und eine neue konstruiert.
Greuel (← mhd. griuwel) Gräuel (← Grauen) Hier wird der Stamm mhd. "gruwen" > nhd "grauen" verwendet.
greulich (← Greuel) gräulich (← Gräuel) "Mit Hilfe dieser gräulich marmorierten Visitenkarten knüpfen Sie feste und unvergängliche Kontakte!" (aus einer Werbung) Die Bedeutung der neuen Form erschließt sich nur über den Kontext, in dem das Wort verwendet wird.
schneuzen (← mhd. sniuzen, verwandt mit norddt. Schnut) schnäuzen (← Schnauze) Zwar gibt es eine Verwandtschaft zu "Schnauze", aber die Bedeutung ist "schnauben" (= gelösten Nasenschleim aus der Nase ausblasen). 
bleuen (← mhd. bliuwen)
= schlagen
bläuen (← blau)
blau machen, blau einfärben; umgangssprachl. schlagen)
Dazu Hermann Paul, Deutsches Wörterbuch, Tübingen 1966: "... durch Volksetymologie an blau angelehnt (und dann fälschlich bläuen geschrieben), mit dem es nicht verwandt ist." Auch die Bedeutung dieses Reformdeutschwortes kann nur noch aus dem Kontext erschlossen werden.
Tip (← engl. tip) Tipp (← tippen) Warum jetzt mit "pp"?  Warum nicht auch "topp", "Toppmanager"? "Fittness"? "mitt"?
Eltern Eltern Hier trauten sich die Reformer nicht, "Ältern" (← alt) zu nehmen. Vermutlich, weil sie sonst garantiert auf 100%ige Ablehnung gestoßen wären.
Flußsand Flusssand / Fluss-Sand Wenn es offiziell zu dem unleserlichen "Flusssand" schon die Alternative "Fluss-Sand" gibt, dann kann man sich ausmalen, wohin die Reise geht: "Schiff-Fahrt", "Sauerstoff-Flasche", "Schnee-Eule", "Tee-Ernte" usw.

© 1999 - 2011 by Anna Boedeker