Volksetymologie ohne Volk

Bertolt Brecht hat in einem Gedicht über den 17. Juni 1953 - für die Nachgeborenen: das Datum des Aufstandes gegen die Heraufsetzung der Arbeitsnormen in der DDR - den Regierenden empfohlen, anstatt dem Volk mit immer neuen Vorschriften und Regeln zu kommen, damit es das Vertrauen des Politbüros zurückgewinne, ihr Volk doch einfach aufzulösen und ein anderes zu wählen.

Eine vergleichbare Empfehlung könnte man den Initiatoren, den Verfechtern und den Scharfrichtern der Rechtschreibreform geben. Ein paar Herren, die bei anerkannten Sprachwissenschaftlern (z.B. der vergleichenden Sprachwissenschaften) vermutlich kaum durch ein Proseminar gekommen wären, haben sich im stillen Kämmerlein bzw. an ihrem Regierungsratsschreibtischen ein paar Regeln ausgedacht, die weder vom Volk gewollt noch ihm vom Maul abgeschaut sind.

Die heilige Mutter Wikipedia, bemüht um wissenschaftliche Klarheit, schreibt über Volksetymologie - und beruft sich dabei auf meinen Lehrer Jost Trier (Wortfeldforschung: "Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes. Die Geschichte eines sprachlichen Feldes" 1931):

„Volksetymologie ist abgekürzte, weil sprungweise vorgehende Wortgeschichte“ (Jost Trier). Sie ist geleitet von dem Bedürfnis, die Zusammenhänge der Wörter zu erklären, und geht dabei zuweilen den unwissenschaftlichen Weg, um fremde Wörter dem Volksmunde aussprachegerecht zu servieren. Beispiel: Lat. arcuballista („Bogenschleuder“) wurde im Altfranzösischen zu arbaleste, aus dem das Deutsche die Armbrust entlehnte, wobei der Bestandteil „Brust“ von mhd. berost, „Aufrüstung“, herrührt. Es handelt sich also tatsachengemäß um eine Armwaffe. (Wikipedia, Etymologie)

Die Herren der Reformschreibung haben indes auch urdeutsche Wörter wie "belemmern" dem Volksmunde erklärt und mit Hilfe eines Lamms den Bezug auf die niederdeutsche Herkunft "belemmeren" weggedrückt. Schüler und Studenten sind nicht dumm, und so sind sie - in dem Forum Treffpunkt Konjugation im Thread "belämmert oder belemmert" - auf die Idee gekommen, direkt zu fragen: "Weshalb hat die neue Rechtschreibreform das e zum ä umgewandelt?" Eine brave Schülerin kann es erklären: "Man schreibt es jetzt auf Grund des Stammprinzips mit "ä"." Das ist ungefähr so, als würde man die Farbe des Sonnenuntergangs begründen: "Der Sonnenuntergang ist rot, weil der Sonnenuntergang rot ist." Und dann folgt der entscheidende Satz: "Dabei geht man davon aus, dass das Adjektiv "belämmert" von den "Lämmern" (Lamm) abgeleitet wurde. Und da man die Lämmer mit "ä" schreibt, wird auch belämmert mit "ä" geschrieben. "

"Ich muß dich noch einmal belämmern [belemmern]" - Das kann heißen: 'Ich muß dich noch einmal stören [, um etwas zu klären]' oder 'Ich muß dich leider noch einmal nerven [ich weiß, du hast eigentlich keine Zeit, aber es geht nicht anders]. Was, bitteschön, hat das mit "Lamm" zu tun. Im Niederländischen ist die ursprüngliche Bedeutung noch aktiv:

belemmeren ww.
impeding (the ~), hampering (the ~), interfering with (the ~), prevent, obstruct, keep from, impede
Beispiele:
NL: het verkeer belemmeren EN: obstruct the traffic
NL: Iemand in zijn werk belemmeren EN: interfere with a person's work

MWB Mijnwoordenboek

Im niederländischen etymologischen Wörterbuch (Nederlands etymologisch woordenboek Von Jan de Vries,F. De Tollenaere) heißt es:
Etymologie von belemmeren
Und im Mittelniederdeutschen:
be-lemmeren, hindern, hemmen, oecu-pare, impedire, molestare.
Mittelniederdeutsches Handwörterbuch von August Lübben nach dem Tode des Verfassers vollendet von Christoph Walther Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt

"belemmeren" hat mit "lähmen" und "lahm" zu tun, jedoch nicht mit einem Lamm oder Lammsbraten. [Vielleicht saßen die Herren ja gerade zu Tisch.]

Ein Hinweis in eigener Sache: Die Artikel über die Rechtschreibreform sind in alter Schreibung verfaßt, dies ist kein Versehen, sondern Absicht. Auf die verstörenden Beiträge der Reformer zur Zusammen- und Getrenntschreibung einzugehen, wurde hier ebenso verzichtet, wie auf die bürokratischen Auswüchse der neuerlichen Großschreibungen - ein späterer Wissenschaftszweig namens "Psychosprachenwissenschaft" wird die Ursachen solcher pathologischen Erscheinungen sicherlich hinreichend würdigen.
Man kann sich abschließend fragen, wieso ein Teil der germanistischen Sprachwissenschaft, die Kultusbürokratie und die Medienkonzerne so scharf darauf sind, die Orthographie zu ändern - außer aus wirtschaftlichen Gründen und zur Disziplinierung der dummen Masse. Englisch, eine sehr verbreitete Sprache, die auch sehr viel außerhalb der englischsprachigen Völker gesprochen und geschrieben wird, hat sich seit den Tagen Shakespeares orthographisch fast gar nicht geändert. Trotzdem gilt diese Sprache als die lingua franca unserer Zeit. (Andauerndes Kopfschütteln.)


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